Sie sind nicht alleine!
Die Verschlechterung der Spermienqualität trifft also nicht die deutschen Männer allein.
Dabei ist die Spermienqualität nur ein Aspekt von vielen, denn auch Prostata-Erkrankungen und sexuelle Funktionsstörungen sind im Vormarsch. Und es trifft unsere Männer auch nicht nur als Individuum, sondern insgesamt.
Das mag seelisch eine kleine Unterstützung sein, denn vermutlich hilft es schon ein wenig, wenn ein Mann heute weiß: Mit einem solchen Spermiogramm stehe ich nicht alleine da. Im Gegenteil: Wir sind viele!
Früher war stets die Frau schuld an der Unfruchtbarkeit
Das hilft mancherorts in der Tat, bedenkt man, dass es gesellschaftlich betrachtet bisher doch noch überhaupt keine Tradition einer männlichen Zeugungsunfähigkeit gibt, derer man sich bedienen könnte. Traditionell wurde in den vergangenen Jahrhunderten vorwiegend die Frau zum rudimentären Sündenbock einer unfruchtbaren Ehe erklärt. Von ihr haben wir ein abstraktes Bild einer lebenslang traurigen, stillen und zurückhaltenden Person, die im Alter womöglich noch eine Verbitterung oder Hartherzigkeit entwickelte. Sie trug ihre Trauer und vor allem: Sie trug die Schuld. Schuld daran, keinen Stammhalter zu gebären, Schuld daran, dass eine Familienlinie oder gar eine ganze Dynastie vom Aussterben bedroht war. Und so manch eine Ehe einer „Unfruchtbaren“ wurde wegen des ausbleibenden Kindersegens annulliert.
Gewiss, die Zeiten haben sich längst geändert. Bei einem unerfüllten Kinderwunsch steht heute Hilfe bereit. Und auch das Bild einer glücklichen Frau ohne Kinder gehört in unseren Alltag. Tief in uns aber wirken diese traditionellen Überreste einer Unfruchtbarkeit weiter. Wir sind keinesfalls vollkommen frei davon, und die Männer trifft es in diesem Sinne nochmals härter, denn sie greifen auf einen Traditionsmodell des anderen Geschlechts zurück. Sie sind also in der Not, ein neues Selbstverständnis für eine vollkommen neue Situation zu entwickeln.
Birgit Zart 2010




